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3. Dezember

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Am 3. Dezember findet der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung statt. Er gibt Anlass, Behinderung nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenspiel anderen Diversitätskategorien wie beispielweise Geschlecht oder sozialer oder ethnischer Herkunft. Dabei fällt auf, dass eine solche intersektionale Perspektive auf Behinderung in der Öffentlichkeit und in der Forschung bisher kaum vorkommt (Wolbring & Nasir, 2024). In diesem Text wird vor allem eine intersektionale Verschränkung zwischen sexueller Identität und Behinderung beleuchtet.

Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung wurde 1992 von den Vereinten Nationen ausgerufen und soll auf Belange von Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen und auf Lücken in der Inklusion aufmerksam machen (bpb, 2024). Inklusion bedeutet dabei so viel wie das „Miteinbezogen-Sein“ (Duden) und die „gleichberechtigte Teilhabe“ (Duden) in allen Lebensbereichen wie Arbeit, Schule oder der Kultur.

Seit 1994 ist in Artikel 3 des Grundgesetzes verankert, dass Menschen mit Behinderungen nicht benachteiligt werden dürfen: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. […] Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." (GG, Artikel 3)

Das bedeutet zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderung den gleichen Zugang zu Bildung haben und nicht von Schulen oder Universitäten ausgeschlossen werden dürfen. Außerdem dürfen sie beispielsweise bei Bewerbungen nicht benachteiligt werden, sondern müssen die gleichen Einstellungschancen erhalten wie alle anderen.

In Deutschland leben laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales über 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigung (2022). Das ist mehr als jede zehnte Person. Trotz dieser großen Anzahl an Betroffenen ist der Alltag in Deutschland aber längst nicht frei von Barrieren.

Die Bundesinitiative Barrierefreiheit, die 2022 von der Regierung ins Leben gerufen wurde, informiert auf ihrer Website über verschiedene „Barriere-Baustellen“, die zum Beispiel in Schulen, in der Infrastruktur von Straßen, im ÖPNV und in Wohnungen oder auf dem Arbeitsmarkt bestehen. Auch im Gesundheitswesen seien ärztliche Praxen oder die richtige medizinische Versorgung nicht immer zugänglich. Im digitalen Raum sind es vor allem fehlende Bildbeschreibungen oder komplizierte und unverständliche Texte,  die Inklusion und Teilhabe verhindern (BMAS, 2022). Gemeint sind hier vor allem Texte mit vielen Fremdwörtern oder komplizierten Satzstrukturen.

Ableistische, also Menschen auf ihre psychische oder physische Behinderung reduzierende, und diskriminierende Strukturen in der Arbeitswelt rückten in den letzten Jahren immer weiter in den Fokus. Laut dem aktuellen Inklusionsbarometer von Aktion Mensch und Handelsblatt Research Institute ist die Arbeitslosenquote von erwerbsfähigen Menschen mit Behinderung bundesweit im Jahr 2024 erneut gestiegen. Während sie 2023 bei 11  % (ca. 165.000 Menschen) lag, liegt sie inzwischen bei 11,6% (ca. 177.000 Menschen) (Aktion Mensch, 2025) und damit deutlich über der allgemeinen Arbeitslosenquote von 5,7 % (Aktion Mensch, 2024). Werkstätten, in denen Menschen mit Behinderung arbeiten, fordern seit langem einen Mindestlohn (tagesschau, 2024); zurzeit erhalten die Mitarbeitenden ein sogenanntes „Werkstatt-Entgelt“, das durchschnittlich bei 222 Euro im Monat liegt (Lebenshilfe, 2022).

Behindert und queer?

Ein Aspekt, der in öffentlichen Debatten bislang nur selten Beachtung findet, ist die sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Besonders Personen, die sowohl queer sind als auch mit einer Behinderung leben, erfahren in vielen Lebensbereichen eine mehrfache Benachteiligung.

Der Verein Queer Cities aus Bremen macht auf konkrete Herausforderungen aufmerksam, denen queere Menschen mit Behinderungen im Alltag begegnen (Queer Cities):

  • Erhöhte soziale Isolation und mangelnde Anerkennung,
  • Fehlende Sichtbarkeit in der Gesellschaft und in queeren Räumen
  • Hürden beim Zugang zu Unterstützung durch unzureichende Angebote
  • Psychosoziale Belastung durch Diskriminierungserfahrungen
  • Erhöhtes Risiko für Gewalt und Diskriminierung im Alltag und Berufsleben

In der Zeitschrift für Menschenrechte beschreibt die Autorin Nina Eckstein queer*disabled Menschen als Doppeltdiskriminierte. Sie sind aufgrund ihrer Behinderung und wegen ihrer Queerness Vorurteilen und Diskriminierungen ausgesetzt. Besonders problematisch sei, so Eckstein, dass diese Gruppe keine eigene Lobby habe, die ihre Interessen sichtbar vertritt (Eckstein, 2020). Dadurch geraten ihre spezifischen Erfahrungen leicht aus dem Blick. Denn weder in der LGBTQIA* Community, noch in der Behindertenbewegung findet „die intersektionale Dimension von queer und disabled ausreichend Beachtung“ (Eckstein, 2020).

In einem Beitrag in dem Internetforum Queer Handicap lassen sich mehrere betroffenen Stimmen lesen, die das verdeutlichen. Ein User postet hier seinen Redebeitrag zum Aktionstag „Wähl Liebe“ im Februar 2025: „Queer und behindert zu sein, ist für viele Menschen unvorstellbar. Menschen wie ich passen nicht in die engen Schubladen, die die Gesellschaft für uns bereithält. In der queeren Community fehlt es oft an Barrierefreiheit und an einem Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Und in der Welt der Menschen mit Behinderungen wird Queerness häufig ignoriert oder tabuisiert.“ (queerhandicap, 2025).

Gründe dafür, dass das Thema so wenig Öffentlichkeit erfährt, sieht der Politiker und Aktivist Edwin Greve im Podcast „BBQ-Black, Brown, Queer“ in ableistischen Strukturen und in fehlender Forschung („BBQ-Black, Brown, Queer“ 2023). In der queeren Community fehlt es oft an Barrierefreiheit und an einem Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Erst seit einigen Jahren entwickelt sich in den Disability Studies auch Forschungszweige, welche die Schnittmenge von Queer- und Disability Studies zusammendenken. In den Queer Disability Studies geht es nicht nur um die doppelte Diskriminierung, die mit Behinderung und queerer Identität verbunden ist. Forschende untersuchen hier auch, wie gesellschaftliche Vorstellungen von „normalen“ Körpern und Geschlechterrollen entstanden sind – und zeigen auf, dass viele dieser Normen aus einer weißen, männlich geprägten Kultur hervorgegangen sind (Ledder & Raab, 2022).

Was diese Forschung deutlich macht, sind die ganz konkreten Folgen für das Leben der Betroffenen: queeren Menschen mit Behinderung wird oft nicht nur das Vorhandensein sexueller Bedürfnisse abgesprochen, sondern auch die Selbstbestimmung über ihre Sexualität oder ihr soziales Geschlecht verweigert. Das Verweigern und Absprechen geschieht, obwohl für alle Menschen das gleiche Recht auf Anerkennung ihrer sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt gilt. Für Menschen mit Behinderung wird der Zugang zu diesem Recht aber oft erschwert oder die Realisierung verwehrt (El Ismy, Jennessen & Prchal 2022).

Studieren mit Behinderung

In Deutschland studieren laut Deutschem Studierendenwerk rund 16 % Menschen aller Studierenden mit einer „studienbeschwerenden Beeinträchtigung“ (Deutsches Studierendenwerk). Hürden und Herausforderungen, die sich ihnen an Universitäten stellen, bleiben für andere oft unbemerkt. An der TU Dortmund wird seit den 1970er Jahren daran gearbeitet, diese Hindernisse im Studienalltag zu erkennen und abzubauen. Zentraler Akteur auf dem Campus ist der Bereich „Behinderung und Studium“ (DoBuS). Er verbindet individuelle Beratung und Unterstützung mit systematischen Analysen von Barrieren und der Entwicklung nachhaltiger Lösungen. Ziel ist es dabei immer, nicht nur Einzelfalllösungen anzubieten, sondern langfristig barrierefreie Strukturen zu schaffen. Zum Beispiel unterstützt DoBuS konkret bei der barrierefreien Gestaltung von Lehr- und Prüfungsmaterial oder fördert im Projekt „Promotion inklusive“ gezielt Studierende mit Behinderung auf ihrem Weg zur Promotion, indem es ihnen passende Stellen, Beratung und ein unterstützendes Netzwerk bereitstellt.

Um der aus der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) abgeleiteten menschenrechtlichen Verpflichtung nachzukommen, gleichberechtigte Teilhabe an Bildung und Arbeit zu ermöglichen, hat die TU Dortmund den Aktionsplan „Eine Hochschule für alle“ entwickelt. Koordiniert wird der Aktionsplan von der Stabsstelle Chancengleichheit, Familie und Vielfalt. Mit diesem strategischen Instrument sollen hochschulische Strukturen, Kulturen und Praktiken an der TU Dortmund proaktiv identifiziert werden, die Hochschulangehörige mit Behinderung potentiell oder tatsächlich benachteiligen oder diskriminieren. Im Themenfeld "Inklusive Hochschulbildung" gehört die TU Doortmund zu einer der bundesweit führenden Universitäten.

Auch das Gleichstellungsbüro der TU Dortmund setzt sich dafür ein, den Campus sicherer und inklusiver zu gestalten ("Sicherheit auf dem Campus"). Alle zwei Jahre ruft alle Hochschulangehörigen dazu auf, Orte zu melden, die als unsicher wahrgenommen werden. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit ausdrücklich auch auf Bereiche, die nicht barrierefrei zugänglich sind. So sollen Hindernisse sichtbar gemacht und langfristig abgebaut werden.

Stand: 03.12.2025


Quellen

  • Aktion Mensch (2024): Inklusionsbarometer Arbeit 2024. Letzter Zugriff: 02.12.2024.
  • Aktion Mensch (2025): Inklusionsbarometer Arbeit 2025. Letzter Zugriff: 01.12.2025.
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS, 2022): Bundesinitiative Barrierefreiheit. Letzter Zugriff: 21.11.2024.
  • Bundeszentrale für politische Bildung (bpb, 2019): Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung. Bpb. Letzter Zugriff: 15.11.2024.
  • Deutsches Studierendenwerk (ohne Jahr): Auf dem Weg zur inklusiven Hochschule. Letzter Zugriff: 21.11.2024.
  • Duden. Inklusion, die. Letzter Zugriff: 01.12.2025.
  • Eckstein, N. (2020): Queering Disabbility. Zeitschrift für Menschenrechte – zfmr, 1/2020.
  • El Ismy, I., Jennessen, S. & Prchal, K. (2022): Behinderung, Queerness und Sexualität. Teilhabe (4)61.
  • Grundgesetz GG. Artikel 3. Gleichheit vor dem Gesetz.
  • Lebenshilfe (2022): Welches Geld bekomme ich, wenn ich in einer Werkstatt (WfbM) beschäftigt bin? Letzter Zugriff: 15.11.2024.
  • Podcast BBQ_Black, Brown, Queer (2023): Queerness und Behinderung mit Edwin Greve. ARD.
  • Queer Cities (o.J.): Inklusion von Doppelminderheiten – Besonderes Angebot für queere Menschen mit Behinderungen. Letzter Zugriff: 03.12.2025.
  • Queerhandicap (2025): Rede zum Aktionstag „Wähl Liebe“ am 15.2.2025 in Wilhelmshaven. Letzter Zugriff: 03.12.2025.
  • Raab, H., Ledder, S. (2022): Gender & Queer Studies in den Disability Studies. In: Waldschmidt, A. (eds) Handbuch Disability Studies. S. 357-374. Springer VS, Wiesbaden. doi.org/10.1007/978-3-531-18925-3_21
  • Tagesschau (2024): Menschen mit Behinderung fordern bessere Bezahlung in Werkstätten. Tagesschau ARD.
  • Wolbring, G., & Nasir, L. (2024). Intersectionality of Disabled People through a Disability Studies, Ability-Based Studies, and Intersectional Pedagogy Lens: A Survey and a Scoping Review. Societies, 14(9), 176. https://doi.org/10.3390/soc14090176