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29. FEBRUAR / 01. MÄRZ

Equal Care Day

Der Equal Care Day macht auf den Gender Care Gap und die strukturelle Benachteiligung von Care-Arbeiterinnen aufmerksam. Der Gap beschreibt die geschlechtsspezifische ungleiche Verteilung von Sorgearbeit.

Die Entstehung des Equal Care Days

Hinter dem Equal Care Day steht die Initiative Equal Care, die sich bereits seit zehn Jahren mit den ungleichen Verhältnissen in der Care-Arbeit auseinandersetzt. Die Initiative entstand 2015 aus dem gemeinnützigen Verein klische*esc e. V. heraus. Im folgenden Jahr wurde der 29. Februar – beziehungsweise der 1. März, je nachdem ob es sich um ein Schaltjahr handelt – als Equal Care Day festgelegt. Das Datum für den Aktionstag wurde bewusst auf den Schalttag gelegt, da dieser oft vergessen wird, so wie Care-Arbeit häufig nicht genügend anerkannt oder wertgeschätzt wird (Bundesverband Equal Care, o. J.a). Durch die Etablierung des Equal Care Days will die Initiative Bewusstsein dafür schaffen, dass die geschlechtsspezifische Ungleichheit in der Care-Arbeit ein ernstzunehmendes Thema ist, dem Raum in politischen Diskursen geboten werden muss. Außerdem will die Initiative durch die Durchführung eines hybriden Festivals am Equal Care Day Lösungen entwickeln, die den den Gender Care Gap an seinen tief im gesellschaftlichen System verankerten Ursachen abbauen, statt sich nur mit Symptomen auseinanderzusetzen (Bundesverband Equal Care, o. J.b).

Grund für den Equal Care Day: Der Gender Care Gap

Care-Arbeit, auch Sorgearbeit genannt, ist ein Grundpfeiler für jede Form des menschlichen Zusammenlebens. Der Begriff beschreibt alle Tätigkeiten, bei denen sich eine Person um das körperliche, geistige oder emotionale Wohl Anderer oder sich selbst kümmert. Dabei gibt es verschiedene Formen der Care-Arbeit. Sie kann direkt als Arbeit „für“ eine andere Person erkennbar sein, etwa in der Pflege, Erziehung oder Beaufsichtigung. Zu Care-Arbeit zählen ebenso Tätigkeiten, die das Wohl anderer indirekt sichern, zum Beispiel die Instandhaltung eines Haushalts durch Putzen, Aufräumen und Wäschewaschen (Addati, 2018). Diese Arbeit ist oft unterbezahlt – so im Bereich der Alten- oder Krankenpflege – oder komplett unbezahlt und wird meist nicht als die zeitaufwendige, körperlich und geistig fordernde Arbeit anerkannt, die sie ist, wie z.B. bei der Kindererziehung und Haushaltsführung.

Der Gender Care Gap beschreibt den Umstand, dass Care-Arbeit, überwiegend von Frauen und Mädchen geleistet wird: Laut der letzten Zeiterhebungsstudie aus dem Jahr 2022 verbrachten Frauen im Durchschnitt jede Woche etwa 30 Stunden mit unbezahlter Care-Arbeit, während es bei Männern und Jungen etwa 21 Stunden sind. Der Gender Care Gap liegt somit bei 43,4 % (BMFSFJ, 2025).

Wieso existiert der Gender Care Gap – sowohl bei bezahlter als auch unbezahlter Care Arbeit?

Care-Arbeit wird größtenteils von Frauen geleistet, da viele staatliche Institutionen und Regelungen darauf ausgelegt sind (oder lange ausgelegt waren), dass die Bürger*innen in einem sogenannten „Familienernährer-Modell“ leben. Dieses Modell baute darauf auf, dass der Mann in einer heterosexuellen Partnerschaft durch eine Vollzeiterwerbstätigkeit das gesamte Einkommen für eine Familie verdient und die Frau die gesamte unbezahlte Sorgearbeit übernimmt (Gärtner et al., 2020). Auch wenn dieses Modell keine Allgemeingültigkeit besitzt, galt es vor allem in der Bundesrepublik Deutschland lange als die gesellschaftliche Norm. 

Als Geschlechterstereotype wirken diese Rollenvorstellungen bis heute fort: Während für männlich sozialisierte Personen die Erwerbszentriertheit oftmals einen wichtigen Teil ihrer Identität ausmacht, ist es bei weiblich sozialisierten Personen häufig die aktive Mutterschaft (Gärtner, 2024). Obwohl die Erwerbstätigkeit von Frauen in den vergangenen Jahrzehnten stetig angestiegen ist, findet weiterhin eine Feminisierung bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit statt, „die in der Traditionslinie einer quasi-natürlichen Zuständigkeit von Frauen* für Sorge steht“ (Bomert et al., 2021).

Die strukturelle Benachteiligung von Care Arbeiterinnen

Frauen und Mädchen, die unbezahlte Sorgearbeit leisten, sind strukturell benachteiligt: Sie haben weniger oder keine Zeit für ihre Bildung oder eine eigene Erwerbsarbeit. Zudem arbeiten Frauen, die einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit in ihrem privaten Umfeld übernehmen, häufiger in Teilzeit. Ihnen entstehen so wirtschaftliche Nachteile, denn sie sind oft gezwungen, in finanzieller Abhängigkeit von ihren Familien, Partnern oder staatlichen Geldern zu leben und die Gefahr der Altersarmut ist für sie besonders hoch, da sie im Laufe ihres Lebens weniger oder gar nicht in eine Rentenkasse einzahlen (BMFSFJ, 2025).

Auch professionelle Care-Arbeiterinnen erfahren Diskriminierung: Die Bundesargentur für Arbeit hat im Januar 2025 eine Studie veröffentlicht, welche die Frauen- und Männeranteile von Beschäftigten in verschiedenen Berufsfeldern vergleicht (Statistisches Bundesamt, 2025). Fünf der etwa 30 untersuchten Berufsfelder werden zur bezahlten Care-Arbeit gerechnet. Darunter fallen Tätigkeiten wie lehrende und ausbildende Berufe, Reinigungsberufe, nichtmedizinische Gesundheits-, Körperpflege- und Wellnessberufe, Medizintechnik, medizinische Gesundheitsberufe, Eriehung und soziale Hauswirtschaftsberufe (ebd.) In jedem dieser fünf Felder beträgt der Frauenanteil mehr als 50 %, in vier davon sogar über 70 % (ebd.). Diese Berufsfelder, welche weiblich sozialisierten Personen oft schon während ihrer schulischen Ausbildung und bei Angeboten zur Berufsberatung nahegelegt werden und deshalb auch „Frauenberufe“ (Antidiskriminierungsstelle des Bundes, o. J.) genannt werden, sind häufig schlecht entlohnt. Einer der Hauptgründe ist, dass diese von Frauen dominierten Berufe häufig als weniger anspruchsvoll als “Männerberufe”  gelten (ebd.), unter anderem, weil sie beispielsweise einen niedrigeren Akademisierungsgrad aufweisen. 

Diese ungleiche Verteilung von Männern und Frauen auf besser und schlechter bezahlte Berufe ist einer der Faktoren, die den Gender Pay Gap ausmachen. Dieser Gap beschreibt den Fakt, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Neben den „Frauenberufen“ liegt dies auch daran, dass sich Frauen deutlich öfter in Teilzeit oder prekären Arbeitsverhältnissen befinden (BMFSFJ, 2023). Der Gap lag im Jahr 2025 bei 16 % (Destatis, 2025).

 

Intersektionaler Blick auf den Gender Care Gap

Die Missstände der geschlechterspezifischen Ungleichheit bei der Sorgearbeit sind in von Armut betroffenen Regionen der Welt noch deutlicher erkennbar. In Gebieten ohne Zugang zu Strom und fließendem Wasser gibt, fallen unter die Care-Tätigkeiten der unbezahlten Sorgearbeiterinnen dann auch Aufgaben wie die Beschaffung von Feuerholz und sauberem Trinkwasser (Oxfam Deutschland, 2020). Beide Aufgaben sind oft mit langen, beschwerliche Wegen verbunden. Hier müssen Frauen und Mädchen also im Durchschnitt noch mehr Zeit für die unbezahlte Sorgearbeit aufbringen. Im Rahmen einer Studie der Women‘s Economic Empowerment and Care Initiative wurden Bewohner*innen fünf ländlicher Gemeinden in Kolumbien, Äthiopien, den Philippinen, Uganda und Simbabwe befragt, wie viel Zeit sie am Tag mit primärer und sekundärer1 Care-Arbeit verbringen. Im Durchschnitt gaben die befragten Frauen an, für beide dieser Arten von Sorgearbeit insgesamt 13,8 Stunden pro Tag aufzuwenden. Bei den befragten Männern waren es 4,3 Stunden (Karimli, 2015).


1 Die Unterscheidung zwischen primär und sekundär bezieht sich darauf, ob die jeweilige Care-Arbeit die einzige Aufgabe war, welche die Person in dieser Zeit ausgeführt hat, oder ob die Tätigkeit gleichzeitig mit einer anderen ablief (Karimli, 2015).

Was soll sich ändern?

Im Rahmen der zentralen Equal Care Day-Konferenz entstand 2020 das „Equal Care Manifest“, in dem konkrete Forderungen für eine gerechtere Zukunft der Sorgearbeit festgehalten wurden. Die Unterzeichner*innen des Manifests fordern unter anderem mehr Wertschätzung und Anerkennung für die Care-Arbeit. Dies soll durch die Inkludierung der Care-Arbeit im Bruttoinlandsprodukt erreicht werden. Außerdem setzen sie sich für mehr „strukturelle Unterstützung“ von Care-Arbeiterinnen ein. Diese wollen sie in erster Linie durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in allen Care Berufen erreichen; sie schlagen aber auch weiterführende Maßnahmen vor, wie den Ausbau von „professionellen Unterstützungsangeboten“ z.B. in Form von verbesserten kommunalen Unterstützungsstrukturen und Anlaufstellen für Care-Arbeit in Haushalten mit geringerem Einkommen (Bundesverband Equal Care, 2020). 

 

Stand: Februar 2026


Quellen