Femizid, der
Femizide sind Morde an Frauen, die deshalb getötet werden, weil sie Frauen sind. Sie sind die „extreme Spitze“ (Bedrosian, 2023) von geschlechtsbezogener Gewalt und ein sichtbares Symptom tiefer patriarchaler Strukturen. Allein in Deutschland gab es 2024 fast jeden Tag einen versuchten oder vollendeten Femizid (BKA, 2025).
Der Begriff Femizid
„Spätestens 2021 ist der Begriff Femizid in der deutschen Gesellschaft angekommen“, schreibt die Juristin Jara Streuer 2024 im Deutschlandfunk. In diesem Jahr wurde der Begriff in den Duden aufgenommen und ist inzwischen auch im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen (Streuer, 2024). Ein Beispiel hierfür ist, dass die Fernsehsendung Tatort in 2024 zum ersten Mal explizit auf das Thema Femizide einging und sie auch so benannte. Weiterhin herrscht jedoch häufig Unsicherheit darüber, was genau mit „Femizid“ gemeint ist.
Tatsächlich soll der Begriff verdeutlichen, dass Morde, die im vermeintlich privaten Umfeld passieren, oftmals tiefe patriarchale Ursachen und gesellschaftliche Dimensionen haben. Darüber hinaus macht er auf strukturelle, gesellschaftliche und staatliche Versäumnisse sowie bestehende Lücken aufmerksam (Streuer, 2024), auf die später noch eingegangen wird. Die Autor*innen des Artikels „Wie tödlich ist das Geschlechterverhältnis?“ (Greven, 2023) schreiben:
„Der Femizidbegriff hebt also das komplexe Zusammenspiel individueller Motivationen und Gewalthandlungen in verschiedenen sozialen Kontexten hervor, die von strukturellen Machtungleichheiten aufgrund von Geschlecht und anderen Faktoren und Machtverhältnissen geprägt sind.“
Popularität durch lateinamerikanische Feminist*innen
Historisch gesehen geht die heutige Verwendung des Begriffs „Femizid“ auf die amerikanische Soziologin Diana E.H. Russell zurück, die ihn 1976 beim internationalen Tribunal gegen Gewalt an Frauen einführte. Bei dem Tribunal kamen 1.500 Frauen aus 33 Länder zusammen, um aus zivilgesellschaftlicher Initiativen heraus ‚Anklagen‘ gegen staatliche Versäumnisse zu formulieren (FrauenMediaTurm, o.J.). Russell wollte darauf aufmerksam machen, dass ein Großteil der Morde an Frauen im Kontext patriarchaler und misogyn geprägter gesellschaftlicher Machtstrukturen stattfindet (Greven, 2023). Der Begriff beschreibt demnach Tötungen, bei denen das weibliche Geschlecht des Opfers nicht zufällig ist.
Insbesondere in Lateinamerika wurde der Begriff aufgegriffen und die Definition weiterentwickelt. Seit den 1990er Jahren gewann „Femizid“ — ins Spanische übersetzt als „femicidio“ oder „feminicidio“ — dank Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen zunehmend an Popularität (Greven, 2023). Die mexikanische Anthropologin und Kongressabgeordnete Marcela Lagarde beispielweise erweiterte die Definition und hob besonders hervor, dass „Feminicidio“ nur die „Spitze des Eisberges“ sei: Darunter liege ein Berg von Gewalt gegen Frauen und eine nicht existierende Strafverfolgung der Täter (Greven, 2023). Der Begriff „Feminicidio“ wurde daraufhin vor allem im aktivistischen Kontext genutzt, um zusätzlich zum strafrechtlich stattgefundenen Mord an einer Frau auch auf den fehlenden Schutz von staatlicher Seite hinzuweisen.
Vor allem in Lateinamerika waren und sind es Aktivist*innen und Autor*innen, die Femizide in einen „engen Zusammenhang mit neoliberal-kapitalistischen, kolonial-rassistischen und heteronormativen Strukturen“ (Bedrosian, 2023) stellen. Gewalt gegen Frauen dient demnach der Aufrechterhaltung traditioneller Geschlechterrollen und des Status quo der Geschlechterverhältnisse (Bedrosian, 2023). So müssen physische und psychische Gewalt immer im Kontext eines heteronormativen, neoliberal-kapitalistischen Männerbildes betrachtet werden (Bedrosian, 2023).
Erste gesellschaftliche Bewegung: Ni una menos
Eine gesellschaftliche Bewegung gegen Femizide nahm erst in den letzten zehn Jahren mehr Fahrt auf. Auch hier leisteten lateinamerikanische Feminist*innen Pionierarbeit. Die Bewegung unter dem Motto „Ni una menos“ (dt.: „Nicht eine weniger“), hatte ihren Ursprung in Argentiniern und will vor allem darauf aufmerksam machen, dass Femizide kein privates, sondern gesellschaftliches und staatliches Problem sind. Ihren ersten großen Höhepunkt fand sie am 3. Juni 2015, als sich rund 250.000 Menschen auf dem Plaza del Congreso in Buenos Aires versammelten (Bedrosian, 2023).
Auch die Aktivist*innen von „Ni una menos“ verweisen immer wieder auf die enge Verbindung zwischen Patriarchat und Kapitalismus als Wurzel der Gewalt gegen Frauen (Bedrosian, 2023). Ein Beispiel hierfür ist die überwiegend von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit. Mittlerweile ist die Bewegung „Ni una menos“ international bekannt, der Slogan findet etwa auch auf deutschen Demonstrationen Anwendung.
Auch in Deutschland finden sich immer mehr (vor allem feministische) Gruppierungen, die sich explizit dem Thema Femizide zuwenden. Seit einigen Jahren dokumentiert beispielweise die Gruppe „Femizide stoppen“ auf ihrem Instagram Account Femizide aus Deutschland. Über sich selbst schreiben sie:
„Wir zählen Femizide in Deutschland um auf das strukturelle Problem aufmerksam zu machen, denn Frauenmorde sind keine Einzelfälle sondern haben System.“ (femizide_stoppen, Instagram)
Begriffliche Uneindeutigkeiten im deutschen Kontext
Obwohl der Begriff „Femizide“ im deutschen Kontext noch nicht ganz im juristischen und politischen Diskurs angekommen ist, ist er vor allem im aktivistischen und politischen Raum etabliert. Auffällig sind hier aber weiterhin Unterschiede im Sprachgebrauch. Greven et al. schreiben in ihrem 2023 veröffentlichten Dossier für die Bundeszentrale politische Bildung zum Thema Femizide:
„Während aktivistische Verwendungen des Begriffs meist ein breites Verständnis von Femiziden umfassen, strukturelle Zusammenhänge und staatliche Verantwortung betonen, findet sich bei staatlichen Akteur*innen und in der Forschung die Tendenz, sich auf bestimmte Formen von Tötungsdelikten zu konzentrieren.“ (Greven, 2023)
Hinzu kommt, dass die begriffliche Abgrenzung nicht immer leichtfällt, es keine einheitliche Definition gibt und neben „Femizid“ viele weitere Begrifflichkeiten existieren. „Feminizid“, hat mit seiner zusätzlichen Silbe „ni“ keine explizit abweichende Definition, betont jedoch besonders den lateinamerikanischen Kontext und ein staatliches und polizeiliches Versagen. „Gynozid“ ist ein Begriff, welcher vor allem in den 1970er und 1980er Jahren verwendet wurde. „Genderzid“ hingegen taucht vereinzelt als Synonym zu „Femizid“ auf, ist jedoch genderneutral und kann dementsprechend ebenso geschlechtsbezogene Tötungen von Jungen und Männern, inter* oder nicht-binären Personen bezeichnen (Streuer, 2024).
Gewalt gegen Frauen als Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse
In der Wissenschaft steht vor allem die Untersuchung patriarchaler Strukturen im Fokus. Die argentinisch-brasilianische Anthropologin Rita Segato hebt in ihren Analysen zwei grundlegende Gesetze des Patriarchats hervor: Zum einen das Gesetz der Kontrolle und des Besitzes über den weiblichen Körper, zum anderen das Gesetz der männlichen Überlegenheit. Gewalt gegen Frauen ist demnach häufig als Reaktion auf eine gefühlte oder tatsächliche Bedrohung männlicher Dominanz zu verstehen. Die Autor*innen des Textes „Wie tödlich ist das Geschlechterverhältnis?“ (Greven, 2023) betonen:
„Daher hat Gewalt gegen Frauen expressive beziehungsweise kommunikative Funktionen: Gewaltopfer werden auf ihren Platz verwiesen, während Täter eine Überlegenheitsposition beanspruchen, ihre Macht demonstrieren und die Gewalt als legitim ansehen.“
Historischer Femizid und gesellschaftliche Dimension
Auch wenn der Begriff Femizid erst seit den 1990er Jahren langsam im öffentlichen Diskurs ankommt, sind Femizide keineswegs nur ein Phänomen der letzten Jahrzehnte. So gibt es Thesen, dass schon die Hexenverfolgungen im Mittelalter als eine Form des Femizids zu verstehen sind. In den „Hexendiskursen“ wurde „insbesondere eine verstärkte Kontrolle der Frau gefordert und formuliert“ (Opitz-Belakhal, 2023).
Während der Hexenprozesse wurden zwar nicht ausschließlich Frauen hingerichtet, doch der Diskurs jener Zeit war eindeutig misogyn, und der Anteil der Frauen unter den Opfern lag teilweise bei bis zu 90 % (Opitz-Belakhal, 2023). Hexenverfolgungen können historisch als Instrument der Unterdrückung von Frauen interpretiert werden, denn sie dienten als Gewaltinstrument, um Frauen ihre „geschlechtlich definierten Grenzen aufzuzeigen“ (Opitz-Belakhal, 2023) und somit patriarchale Strukturen zu festigen. Klare Worte findet dazu die Autorin und politische Aktivistin Tara-Louise Wittwer auf ihrem Instagram-Account:
„Es wurden übrigens niemals Hexen verbrannt. Es wurden Frauen verbrannt."
Statistisch gibt es in Deutschland jeden Tag ein versuchten oder vollendeten Femizid
Aktivist*innen und Organisationen weisen immer wieder darauf hin, dass in Deutschland statistisch gesehen alle drei Tage eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet wird und täglich ein Mordversuch stattfindet. Für 2024 meldet das Bundeskriminalamt insgesamt 308 vollendete und versuchte Tötungsdelikte an Frauen und Mädchen im Kontext von Partnerschaftsgewalt (BKA, 2025). Ein Blick in die polizeilichen Kriminalstatistiken zeigt zwar, dass Tötungsdelikte insgesamt rückläufig sind, jedoch sei der Rückgang von getöteten Frauen deutlich geringer als bei Männern: „Das weist darauf hin, dass Tötungsdelikte an Männern und Frauen in unterschiedlichen Kontexten stattfinden und anderen Einflussfaktoren unterliegen“ (Greven, 2023). Das BKA spricht dabei nicht von Femiziden und beruft sich darauf, dass „keine bundeseinheitliche Definition des Begriffs ‚Femizid‘“ (BKA, 2025) bestehe. Deswegen muss mit der Verwendung der Zahlenaus der polizeilichen Kriminalstatistik vorsichtig umgegangen werden. Die Rosa-Luxemburg Stiftung, weist jedoch darauf hin, dass die „vorhandenen Zahlen [des BKA] als Orientierung“ (Dyroff, 2020) genutzt werden können.
Laut dem United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) und UN Woman Bericht „Gender-related killings of women and girls (femicide/feminicide) Global estimates of female intimate partner/family-related homicides in 2022“ (UNODC, 2023) sind die meisten Tötungen von Frauen und Mädchen geschlechtsmotiviert. Im Jahr 2022 wurden weltweit rund 48.800 Frauen und Mädchen von ihren Intimpartnern oder anderen Familienmitgliedern getötet: „Das bedeutet, dass durchschnittlich mehr als 133 Frauen oder Mädchen jeden Tag von jemandem aus ihrer eigenen Familie getötet werden“ (UNODC, 2023).
Maßnahmen, Prävention und Forderungen
In der Wissenschaft, von Aktivist*innen sowie in der Politik entstanden in den letzten Jahren viele Ansätze, Wünsche und Forderungen, um den Schutz vor Femiziden zu verbessern. Im wissenschaftlichen Diskurs benennen beispielsweise die Soziologinnen Maria Arnis und Monika Schröttle in ihrem Beitrag „Femizide und notwendige Maßnahmen“ (2023) folgende Punkte:
- Intervention: Ausbau und in der verbesserten Ausstattung von Frauenhäusern, Beratungsstellen und Schutzangeboten, um betroffenen Frauen und ihren Kindern einen schnellen und bedarfsgerechten Zugang zu Unterstützung zu ermöglichen (Arnis, 2023).
- Prävention: Durch gezielte Bildungsarbeit und Aufklärung, insbesondere gegenüber Männern und Jungen, soll ein Bewusstsein für Gleichberechtigung und gewaltfreies Verhalten geschaffen werden, um Gewalt bereits im Vorfeld zu verhindern (Arnis, 2023).
- Kontinuierliche Fortbildung von Fachkräften in Polizei, Justiz, Medizin und Sozialarbeit. Regelmäßige Schulungen und eine verbesserte Vernetzung sollen dazu beitragen, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und effektiv zu handeln (Arnis, 2023).
- Rechtliche Rahmenbedingungen: Femizide sollten als geschlechtsspezifische Tötungsdelikte anerkannt und entsprechend konsequent verfolgt werden, wobei der Schutz von Betroffenen gestärkt werden müsse (Arnis, 2023).
- Verlässliche Datenerhebung und wissenschaftliche Forschung, um die Hintergründe von Femiziden besser zu verstehen und zielgerichtete Maßnahmen sowie Präventionsstrategien ableiten zu können (Arnis, 2023).
- Intersektionale Perspektive: Besonders gefährdete Gruppen wie Migrantinnen, Frauen mit Behinderungen oder geflüchtete Frauen sollen gezielt unterstützt werden (Arnis, 2023).
Stand: Dezember 2025
Quellen
- Arnis, M. & Schröttle, M. (20. April 2023): Femizide und notwendige Maßnahmen. Bundeszentrale für politische Bildung. Letzter Zugriff: 13.11.2025.
- Bedrosian, A. (31. März 2023): Ni Una Menos. Portrait einer feministischen Bewegung. Bundeszentrale für politische Bildung. Letzter Zugriff: 11.11.2025.
- BKA (19. November 2025): Bundeslagebild "Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“ Letzter Zugriff: 25.11.2025.
- Dyroff, M. Pardeller, M. & Wischnewski, A. (2020): #keinemehr – Femizide in Deutschland. Rosa-Luxemburg Stiftung.
- femizide_stoppen [@femizide_stoppen]: Instagram. Letzter Zugriff: 25.11.2025.
- FrauenMediaTurm (o.J.): 1976. Letzter Zugriff: 02.12.2025.
- Greven, N. L., Lutz, P., Maier, S. P. & Rebmann, F. (31. März 2023): Wie tödlich ist das Geschlechterverhältnis? Bundeszentrale für politische Bildung. Letzter Zugriff: 11.11.2025.
- Opitz-Belakhal, C. (31. März 2023): Hexenverfolgung. Ein historischer Femizid? Bundeszentrale für politische Bildung. Letzter Zugriff: 11.11.2025.
- Streuer, J. (24. November 2024): Was der Begriff Femizid bedeutet. Deutschlandfunk. Letzter Zugriff: 11.11.2025.
- UNODC (2023): Gender-related killings of women and girls (femicide/feminicide): Global estimates of female intimate partner/family-related homicides in 2022.
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