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#klargestellt: Das queerfeministische Glossar

Drag (Substantiv, kein Artikel)

Drag ist eine in höchstem Maße diverse, ambivalente, kulturelle Form, die hier nur skizziert werden kann. Drag kann sowohl Ausdruck einer persönlichen Identität als auch eine künstlerische Performance sein. Für die einen ist Drag inhärent politisch, für die anderen eine visuelle, performative Kunstform.


Im weitesten Sinne ist Drag eine Inszenierung von Geschlechtlichkeit und Körperlichkeit. Geschlecht wird in der Interaktion mit Anderen hervorgebracht, wobei auf eine Palette von Hinweisen zurückgegriffen werden kann: Namen, Pronomina, Kleidung, Stimmlage, Gestik, Mimik, Körperhaltung und Verhaltensweisen sind geschlechtliche Hinweise, die durch Sozialisation eingeübt werden. Drag Künstler*innen sind sich dieses Prozesses der interaktiven Herstellung von Geschlecht bewusst und nutzen verschiedene geschlechtlich codierte Hinweise – z. B. Bärte, Kleider, Schminke etc. - um einen bestimmten Drag-Charakter her- und darzustellen, in dessen Rolle sie schlüpfen. Drag Queens beispielsweise stellen Weiblichkeit performativ dar oder parodieren diese. Sie sind zumeist Personen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. Hingegen stellen Drag Kings Männlichkeit dar oder parodieren diese. Drag Kings sind zumeist, aber nicht ausschließlich, Personen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde.

Neben den klassischen Drag Kings und Drag Queens gibt es auch Drag, der über eine Inszenierung von Geschlechtlichkeit hinausgeht und mitunter bizarre Körperformen inszeniert, welche nicht auf die menschliche Spezies beschränkt sind. Indem Körperperformances z. B. die Grenze zwischen menschlichen Körpern, Technologie, dem Tier- oder Pflanzenreich oder fiktiver Spezies verwischen, werden Brüche mit Vertrautem zugelassen. Beispielhaft hierfür sind künstlerische Formen wie Alien-Drag, Cyber-Drag und Xeno-Drag.

Im Zusammenhang mit Drag wird sowohl auf dessen subversives Potential hingewiesen als auch auf die Tatsache, dass Drag nicht zwangsläufig subversiv sein muss und kann. Zum einen war Drag lange vor kontemporären, feministischen Bewegungen ein Ort, an dem stabile Geschlechternormen angefochten und durch das Spiel mit geschlechtlichen Codes die kulturelle Konstruiertheit von Geschlecht offengelegt werden konnte. Zum anderen ist auch Drag bei allem politischen Anspruch nicht frei von Machtstrukturen und kann normative Formen von Geschlecht reproduzieren bzw. sich rassistische und sexistische Formen aneignen. Drag-Szenen sind nicht immer inklusiv. Beispielsweise wurde aus Schwarzer und weißer feministischer Perspektive angebracht, dass eine parodierte Performance von Weiblichkeit durch Drag Queens keineswegs einen Akt der Identifikation und Solidarität mit Frauen darstellen muss, sondern mit einer Kontrolle und Bewertung von Weiblichkeit einhergehen kann.

Drag geht auf eine lange, globale Geschichte zurück. In Ländern des globalen Nordens wie den USA und Deutschland ist Drag untrennbar verbunden mit der widerständigen Geschichte insbesondere von ⇒lsbtq* Communities of Color, Travestie, Ballroom Culture, den Trümmer- und Polittunten, lesbischen Barszenen und queeren Menschenrechtsbewegungen. 

Zum Thema:

Logo Butler, Butch, Beyoncé Butler, Butch, Beyoncé #5: Drag

26. Mai 2020 | 20 Uhr | online

Bereits seit vielen Jahren sind Größen der Drag-Szene wie Olivia Jones fester Bestandteil popkultureller Großereignisse zur besten Sendezeit – und spätestens seit „Ru Paul’s Drag Race“ und Heidi Klums „Queen of Drag“ scheinen Drag Queens im Mainstream angekommen. Doch neben dieser stark repräsentierten, hyperfemininen Drag Queens gibt es auch die große, noch immer weniger sichtbare „Drag King"-Szene: Frauen, die mit als männlich wahrgenommenen Attributen spielen.

In unserer fünften und vorerst letzten Ausgabe von Butler, Butch, Beyoncé fragen wir, in welchem Verhältnis „Drag“ zu den Konzepten Weiblichkeit und Männlichkeit steht: 
Welches kritisches Potential steckt in Drag, welche Rolle spielt er für die feministische Perspektive? Kann der Feminismus davon profitieren oder sollte er sich von der performten „Hyper-Weiblichkeit“ und „Hyper-Männlichkeit“ abgrenzen?   
Gemeinsam mit Magdalena Rodekirchen, Gender-Wissenschaftler*in an der University of Manchester, und den Drag-Künstler*innen Simon Rudat (feat Ja Lo) und Frederik Tidén betrachten wir das Phänomen Drag auf künstlerische und diskursive Weise – und untersuchen es auf seine gesellschaftspolitische Schlagkraft und seine Verbindungslinien zum Feminismus.

Quellen:

  • Butler, Judith. „Kapitel 4. Gender Is Burning: Fragen der Aneignung und Subversion“. In: Körper von Gewicht – Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Suhrkamp, 1997.
  • Frye, Marilyn. The Politics of Reality. Crossing Press, 1983. Zitiert in bell hooks: Black Looks – Race and Representation, S. 148.
  • Hark, Sabine & Hanna Meißner. „Geschlechterverhältnisse und die (Un-)Möglichkeit geschlechtlicher Vielfalt“. In: Dossier Geschlechtliche Vielfalt – trans*, Bundeszentrale für politische Bildung, 08.08.2018, in: https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/geschlechtliche-vielfalt-trans/245179/geschlechterverhaeltnisse-und-die-un-moeglichkeit-geschlechtlicher-vielfalt, Abruf 22.05.2020.
  • hooks, bell. “Chapter 9: Is Paris Burning?” In: Black Looks – Race and Representation. South End Press, Boston, MA, 1992.
  • Sauer, Arn. „Drag King“/„Drag Queen“. LSBTIQ-Lexikon - Grundständig überarbeitete Lizenzausgabe des Glossars des Netzwerkes Trans*Inter*Sektionalität, 2018, http://transintersektionalitaet.org/?page_id=36, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, letzter Aufruf am 22.05.2020.