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Rückblick | »Sowohl als Auch« über body shaming und body positivity

Die Autorin und Aktivistin Sandra Wurster und Prof. Dr. Elke Grimminger-Seidensticker sprachen am 27. Juni in der Universitätsbibliothek über Körperbilder, Glaubenssätze und Selbstliebe. Die Veranstaltung war Teil der Reihe »Sowohl als Auch« des Gleichstellungsbüros, bei der aktuelle gesellschaftliche Debatten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fragestellungen von Forscher*innen der TU Dortmund zusammen gebracht werden.

Martina Stackelbeck hält ein Grußwort
Die Gleichstellungsbeauftragte Martina Stackelbeck freute 
sich über die spannenden Gäste.

Der Leiter der Universitätsbibliothek Dr. Joachim Kreische, brachte in seinem Grußwort die Freude darüber zum Ausdruck, dass die Veranstaltungsreihe »Sowohl als Auch« immer wieder neue anregende und gesellschaftlich relevante Themen in die Universität trägt. Er lobte das Konzept der Reihe, welches es möglich macht auch unkonventionelle Gäste einzuladen, die den akademischen Rahmen erweitern und neue Perspektiven aufzeigen. Auch die zentrale Gleichstellungsbeauftragte Martina Stackelbeck zeigte sich erfreut darüber, dass es wieder gelungen war, so interessante Frauen für die „Lunch Lecture“ zu gewinnen.  

Prof. Grimminger-Seidensticker über „gefühltes Übergewicht“ und die Chancen und Risiken von Sport

Prof. Dr. Elke Grimminger-Seidensticker, Universitätsprofessorin für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportdidaktik an der TU Dortmund, beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Frage, wie relevant Bewegung und Sport für die Entwicklung von Körper(un)zufriedenheiten bei Kindern und Jugendlichen sind. Zum Einstieg in das Thema zeigte die Wissenschaftlerin einen Ausschnitt aus einer BBC-Dokumentation über körperliche Selbstwahrnehmung von Kindern: Jungen und Mädchen im Grundschulalter bekommen ein Schaubild mit unterschiedlichen Körpersilhouetten präsentiert und werden dazu aufgefordert, sowohl ihre eigene Körperform anzuzeigen als auch den Körper, den sie gerne hätten. Während alle Mädchen sich sehr dünne Körper wünschen, entscheiden sich die Jungen für eine breite Körperform. Die Ergebnisse dieses Experiments machen deutlich, dass sich eine große Anzahl der befragten Mädchen trotz Normalgewichts zu dick fühlen. In ihrer Erläuterung bezeichnete Professorin Grimminger-Seidensticker dieses Phänomen als „gefühltes Übergewicht“. Bei den Jungen herrsche hingegen eher eine „muskelbezogenen Unzufriedenheit“ vor, erklärte die Wissenschaftlerin. Die Erkenntnisse aus der Dokumentation decken sich mit den Ergebnissen einer Studie, die Professorin Grimminger-Seidensticker und ihr Team mit deutschen Grundschüler*innen durchgeführt haben.

Die Referentin machte im Folgenden deutlich, dass mit Körperunzufriendenheiten ein starkes psycho-soziales Entwicklungsrisiko für Jungen und Mädchen einhergeht. Klinische und subklinischen Essstörungen, Depressionen und Suizidgedanken oder die Einnahme von Muskelaufbausubstanzen können daraus resultieren. Grundsätzlich, so zeigen es Studien, ist der Leidensdruck von „normalgewichtigen“ Kindern mit negativem Körperbild wesentlich höher als der von adipösen Kindern die über ein positives Körpergefühl verfügen.

Prof. Elke Grimminger-Seidensticker beim Vortrag
Prof. Dr. Elke Grimminger-
Seidensticker.

In ihrem Input widmete sich Prof. Elke Grimminger-Seidensticker weiterhin der Frage, wie sich das Körperbild eines Menschen überhaupt entwickelt. Dazu führte sie unterschiedliche Einflussfaktoren wie das Elternhaus, die Peer-Group und die Medien an. Wie sehr auch Werbung die Wahrnehmung von Körpern prägt, verdeutlichte die Professorin anhand einer Werbeanzeige eines Modekonzerns. Zunächst zeigte Prof. Grimminger-Seidensticker dem Publikum nur das Foto einer „normalgewichtigen“ Frau und fragte: „Was denken Sie, für was diese Frau wirbt?“ Anschließend klärte die Referentin darüber auf, dass es sich um Werbung für „Großen Größen“ handele. Zu Recht hatte die Werbekampagne Proteste ausgelöst, denn durch solche Katalogfotos wird das verzerrte Schönheitsbild in der Gesellschaft weiter gefestigt.

Zuletzt betonte Professorin Grimminger-Seidensticker, dass das Treiben von Sport gleichermaßen einen positiven wie negativen Einfluss auf die Körperzufriedenheit eines Menschen haben kann. So kann eine sportliche Betätigung dazu beitragen sich fitter und wohler in der eigenen Haut zu fühlen. Jedoch können besonders ästhetisch-kompositorische Sportarten wie Rhythmische Sportgymnastik, Skispringen oder Ballett unterschiedliche Essstörungen begünstigen, da ein bestimmtes Ideal angestrebt und ein niedriges Körpergewicht als vorteilhaft empfunden wird.

Für Sandra Wurster ist das Leben zu kurz um den Bauch einzuziehen

Die Autorin und Aktivistin Sandra Wurster begegnete dem Publikum an der TU Dortmund mit viel Energie und Lebensfreude. In ihrem Vortrag skizzierte sie ihre Entwicklung von einer jungen Frau mit Selbstzweifeln zu einer der führenden Aktivistinnen der Body-Positivity-Bewegung in Deutschland. Wurster verdeutlichte, dass es oft die Glaubenssätze aus der eigenen Kindheit sind, die sich in einem negativen Körperbild manifestieren. Zu ihren eigenen Erfahrungen sagte sie: „Als Kind war ich zu dünn und bekam Komplimente für‘s Essen. Meine Zunahme als Jugendliche wurde dann negativ kommentiert.“ Anschaulich und humorvoll berichtete Sandra Wurster von diversen Urlauben, in denen sie vor lauter vernichtenden Gedanken über ihre vermeintlich zu fetten Oberschenkel völlig vergaß, die schönen Momente zu genießen. Durch ihre Leidenschaft für das Tanzen und ihre Ausbildung zur Tanzpädagogin gelang es der Autorin schließlich einen liebevolleren Blick für den eigenen Körper zu entwickeln. „Ich erkannte, dass ich nicht an meiner Kleidergröße arbeiten muss, sondern an meinem Selbstwertgefühl“, so Wurster.

Sandra Wurster am Redepult
Autorin und Aktivistin Sandra Wurster.

Um ihre Botschaft von Selbstliebe und individueller Schönheit zu verbreiten, nahm Sandra Wurster 2015 als Kandidatin an der TV-Sendung Shopping Queen teil. Auch wenn sie den letzten Platz belegte, bestärkte sie das positive Feedback des Moderators und Designers Guido Maria Kretschmer mehr aus ihrem Lebensmotto „Das Leben ist zu kurz, um die Bauch einzuziehen“ zu machen. Sandra Wurster entwickelte „Love-Your-Belly“-Workshops und gründete 2017 das Mode- und Lifestylelabel Bauchfrauen. In ihrem Vortag an der TU Dortmund berichtete Wurster, wie die Bauchfrauen mit wenig Geld aber viel Tatendrang ihre erste Kollektion von Statement T-Shirts auf den Markt brachten. Die empowernden Botschaften wie „Du bist schön!“ oder „Life's too short to be the same“ kamen sehr gut an und die ersten Shirts waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. „Ziemlich schnell merkten wir, dass wir da einen Nerv getroffen hatten“, erzählte Sandra Wurster. Mittlerweile haben die Bauchfrauen über 29.000 Follower*innen allein auf Instagram und touren mit ihren Workshops durch ganz Deutschland. Durch ihre Arbeit möchte Sandra Wurster vor allem Frauen und Mädchen  darin bestärken ihren Körper anzunehmen, sich wertvoll zu fühlen und ihre Diversität zu feiern. An das Publikum gerichtet sagte die Aktivistin: „Die größte Problemzone sind unserer Gedanken. Was könnten wir alles erreichen, wenn wir endlich aufhören würden, ständig den Bauch einzuziehen?“

Angeregte Diskussion mit dem Publikum

Podiumsdiskussion
In der anschließenden Gesprächsrunde diskutierte das
Publikum angeregt mit.

Den spannenden Impulsvorträgen folgte eine angeregte Diskussion mit dem Publikum. Die Referentinnen waren sich einig, dass Familienmitglieder und Lehrer*innen viel dazu beitragen können, dass Kinder ein positives Körpergefühl entwickeln. Professorin Grimminger-Seidensticker erklärte, dass sie als Lehrende besonderen Wert auf die Sensibilisierung ihrer Lehramtsstudierenden legt, um Vorurteile abzubauen und body shaming entgegen zu wirken: „Die Studierenden kommen mit eigenen Normen und Glaubenssätzen an die Universität und die müssen wir erste einmal aufdecken. Das ist anders als beispielsweise in Mathe“, erklärte die Wissenschaftlerin. Häufig verknüpfen Menschen zum Beispiel Dicksein mit mangelnder Leistungsfähigkeit, ungesundem Essverhalten oder negativem Sozialverhalten. Prof. Dr. Grimminger-Seidensticker sieht dies als ein Produkt von fehlgeleiteter Gesundheitserziehung, die lange nur schlanke Körper als fit und gesund propagiert hat. Wenn zukünftige Sportlehrer*innen solche Glaubenssätze im Studium nicht reflektieren und in den Beruf mitnehmen, kann das die Körperbilder und auch die Freude am Sport(-unterricht) von Schülerinnen und Schülern negativ beeinflussen.

Die Gäste der Veranstaltung waren besonders daran interessiert zu erfahren, wie sie in ihrem eigenen Berufsalltag als Lehrer*in, Erzieher*in oder Kursleiter*in Kinder darin bestärken können, ihren eigenen Körper anzunehmen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Sandra Wurster schöpfte aus ihrer langjährigen Erfahrung als Tanzpädagogin und gab zahlreiche praktische Tipps. Sie betonte, wie wichtig es sei, den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu eröffnen Körpervielfalt zu erleben. Professorin Grimminger-Seidensticker verwies auf hilfreiche Literatur wie das Kinderbuch Das kleine Ich-bin-Ich der Autorin Mira Lobe. Aktivistin Wurster erzählte, dass ihre „Love-your-Belly“-Workshops von vielen jungen Frauen gemeinsam mit ihren Müttern besucht werden. Mütter und Töchter nutzen das Angebot als Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und eventuell vererbte Glaubenssätze in Bezug auf ihr Gewicht zu reflektieren. Prof. Elke Grimminger-Seidensticker bestätigte die positive Wirkung von Elterntrainings, um mit Kindern an einer achtsameren Haltung zum eigenen Körper zu arbeiten.

Auf die Frage nach der Bedeutung des Internets und besonders der sozialen Medien sagte Sandra Wurster: „Es ist wie mit einem Messer: Du kannst es benutzen um Butter auf dein Brot zu schmieren oder um jemanden umzubringen.“ Professorin Grimminger-Seidensticker unterstützte diese Aussage. Auch in ihren Augen bieten die sozialen Medien die Chance zur Vernetzung, jedoch verstärken die zur Schau gestellten Schönheitsideale auch den Druck auf die Betrachter*innen. So riet Sandra Wurster dem Publikum, sehr kritisch zu prüfen welchen Accounts man zum Beispiel auf Instagram folgt: „Wenn ich Instagram nicht beruflich nutze, habe ich selbst die Macht zu entscheiden, wem ich folge. Ich muss Accounts nicht folgen, die dazu führen, dass ich mich schlecht fühle.“

Zum Abschluss der Diskussion betonten beide Referentinnen, dass sich in unserer Gesellschaft und unseren Strukturen noch einiges ändern muss, damit die herrschenden, toxischen Schönheitsideale ihre Wirkung verlieren und die Vielfalt der Körper mehr Anerkennung erfährt. Sandra Wurster mit ihren Bauchfrauen und Prof. Grimminger-Seidensticker mit ihrer Forschung und Lehre arbeiten weiter daran, dass sich hier etwas bewegt.

Alle Bilder: TU Dortmund